Wie Wiesenpfote zum Fallbeispiel für Teil 3 des Didaktik-Codes wurde
Die Mail von Anke Seifert könnte an einem ganz gewöhnlichen Dienstag in einem Agentur-Postfach landen. Als Leiterin People Development bei Wiesenpfote plant sie einen dreitägigen Launch-Campus für rund 125 Personen und im Anhang liegen ein Agendaentwurf, ein Terminblocker sowie drei PowerPoint-Dateien zum neuen Spezialfutter DermaPur Hypo. Außerdem soll bei all den geplanten Vorträgen „Austausch und Interaktion nicht zu kurz kommen“, was uns beim Schreiben des dritten Teils unseres neuen Buches „Der Didaktik-Code“ sehr bekannt vorkam.
Gut Falkenried ist bereits reserviert, der Innenhof eignet sich laut Hotelbroschüre für „emotionale Markenmomente“, und beim Organisationsteam ist 68-mal dieselbe Frage eingegangen: „Dürfen wir unseren Hund mitbringen?“ Damit wären die Prioritäten auf Teilnehmendenseite zumindest geklärt, während die didaktische Arbeit gerade erst beginnt.
Wiesenpfote haben wir für das Buch erfunden, die Zutaten dieser Anfrage stammen allerdings aus vielen echten Lernprojekten, die wir über die Jahre begleitet haben. In Teil 3 folgen wir dem Auftrag von der ersten Mail bis zum ausgearbeiteten Grobkonzept und zeigen, wie die einzelnen Entscheidungen im Didaktik-Code aufeinander aufbauen.
Willkommen in Wiesenhof
Wiesenpfote sitzt in Wiesenhof, einem kleinen Ort zwischen Paderborn und Warburg, den wir für dieses Buch möglicherweise erfunden haben. Seit seiner Gründung im Jahr 1972 hat es das Unternehmen auf 1.154 Mitarbeitende und einen Vertrieb in vier Ländern gebracht, während es in der Produktion je nach Tageszeit nach gegartem Fleisch, Süßkartoffel oder einfach nach „der Sorte mit dem Lachs“ riecht. Am Empfang hängt ein Foto von Paula, der Rauhaardackel-Hündin der Gründerfamilie, und der „War Room“ für große Produkteinführungen heißt im Alltag ebenfalls Besprechungsraum „Paula“, weil bei einer erfundenen Firma natürlich auch die Raumbezeichnungen geklärt werden müssen.
Für Teil 3 suchten wir ein Beispiel, das genügend Stoff für ein anspruchsvolles Lernprojekt bietet und trotzdem ohne fünf Kapitel Fachwissen verständlich bleibt. Ein Produktlaunch für hypoallergenes Hundefutter erfüllt diese Aufgabe ziemlich gut, wobei die persönlichere Erklärung während vieler Schreibstunden unter Jannis’ Schreibtisch lag. Dort begleitete sein Hund Watson aus dem rumänischen Tierschutz die Arbeit am Manuskript, interessierte sich zuverlässig für alles Essbare und hatte damit vermutlich mehr Einfluss auf die Wahl der Branche, als ihm selbst bewusst ist.
Im Mittelpunkt des Auftrags steht DermaPur Hypo, ein neues Futter für Hunde mit futterbedingten Unverträglichkeiten. Das Produkt ist erklärungsbedürftig, wissenschaftliche Aussagen müssen verständlich werden, und aus berechtigter Begeisterung darf kein Versprechen entstehen, das Timo Lenzen aus Regulatory Affairs zu spontanen Atemübungen zwingt. Damit liefert Wiesenpfote genau jene Mischung aus Fachlichkeit, unterschiedlichen Interessen und Zeitdruck, die auch reale Lernprojekte mitbringen.
Ein Auftrag, der schon ziemlich fertig aussieht
Die drei Tage auf Gut Falkenried sind gut gefüllt, denn Strategie, Positionierung, Kampagne, Rezeptur, Studienlage, Wettbewerber, rechtssichere Aussagen und regionale Workshops möchten alle ihren Platz im Programm. Organisatorisch ist vieles geklärt, während die zentrale didaktische Frage noch beantwortet werden muss: Was sollen die Teilnehmenden nach diesem Campus in ihrem Arbeitsalltag tatsächlich besser erklären, entscheiden oder tun können?
Diese Frage wird bei Wiesenpfote schnell anspruchsvoll, weil die 125 Teilnehmenden sehr verschiedene Aufgaben haben. Der Außendienst spricht mit Händlerinnen und Händlern, Customer Care beantwortet emotionale Fragen von Hundebesitzerinnen und Hundebesitzern, Marketing entwickelt Materialien, und die Produktentwicklung achtet gemeinsam mit Regulatory Affairs auf fachliche Genauigkeit. Alle arbeiten am selben Launch, doch sie begegnen DermaPur Hypo später in ganz unterschiedlichen Situationen.
Genau hier setzt der Didaktik-Code an, denn vor der Auswahl einzelner Methoden, Übungen oder digitaler Bausteine klären wir den Auftrag, die gewünschte Wirkung und die Menschen, die diese Wirkung später im Alltag möglich machen sollen. Welche Entscheidungen daraus für den Launch-Campus entstehen, bleibt an dieser Stelle in Wiesenhof, entscheidend ist zunächst, dass die bereits vorhandene Agenda ihre didaktische Prüfung noch vor sich hat.
Der Code steckt in den Übergängen
In Teil 2 des Buches leiten wir aus der Lern- und Gedächtnisforschung acht didaktische Standards ab, die beschreiben, welche Bedingungen wirksames Lernen braucht. Teil 3 übersetzt diese Standards in ein konkretes Vorgehen: Projektdefinition, Zielgruppenanalyse, Lernziele, Format- und Architekturentscheidung sowie Grobkonzept. Wir nennen dieses Vorgehen Code, weil jedes Ergebnis zur Arbeitsgrundlage für den nächsten Schritt wird und aus vielen kleineren Entscheidungen allmählich ein stimmiges Lernprojekt entsteht.
Viele Vorgehensmodelle nennen ähnliche Stationen, während die eigentliche Schwierigkeit häufig in den Übergängen liegt. Was folgt für die Lernziele, wenn die Zielgruppenanalyse große Unterschiede zwischen erfahrenem Außendienst und neuen Mitarbeitenden zeigt? Welche Lernaktivität passt zu einer Situation, in der Customer Care gleichzeitig empathisch, verständlich und rechtlich sauber antworten muss? Und an welcher Stelle hilft eine Präsentation tatsächlich weiter, während eine andere Aufgabe Gelegenheit zum Ausprobieren und Rückmeldung braucht?
Wiesenpfote bleibt deshalb über den gesamten dritten Teil bei uns. Eine Erkenntnis aus der Projektdefinition taucht später bei den Lernzielen wieder auf, eine Beobachtung zur Zielgruppe verändert die Formatwahl und eine frühe Rahmenbedingung kann das Grobkonzept einige Kapitel später noch einmal einholen.
Wie es in Wiesenhof weitergeht
Im Buch begleiten Sie Wiesenpfote durch jeden Schritt des Didaktik-Codes und können mitverfolgen, wie sich der zunächst recht volle Veranstaltungsplan zu einem begründeten Grobkonzept entwickelt. Welche Formate schließlich gewählt werden, wie die verschiedenen Rollen lernen und was vor, während und nach Gut Falkenried passiert, behalten wir an dieser Stelle noch für Teil 3 zurück.
Einen brauchbaren Maßstab liefert trotzdem schon Frederik Lehmkuhl, der Leiter der Business Unit Hund und Gesundheit: „Wenn wir es nicht einer Filialleiterin an einem Freitagmorgen um 08:01 Uhr erklären können, haben wir es noch nicht verstanden.“ Genau dort soll Lernen schließlich ankommen, mitten in einer konkreten Situation, in der weder eine schöne Agenda noch ein emotionaler Markenmoment die passende Antwort übernehmen kann.
„Der Didaktik-Code“ erscheint am 12. Oktober 2026 im Haufe Verlag. Wenn Sie Wiesenpfote auf dem gesamten Weg von der ersten Projektmail bis zum Grobkonzept begleiten möchten, finden Sie auf unserer Landingpage weitere Einblicke und alle Informationen zum Buch.

